Louie & I

In der ersten Folge Louie trifft sich die gleichnamige Hauptfigur mit einer jüngeren Frau. Während sich Louie in seinen Vierzigern befindet, frisch geschieden ist, der Bauch mehr wird und die Haare weniger, trifft das alles natürlich nicht auf sie zu. Die Verabredung verläuft holprig und natürlich ist meist Louie für die unkomfortablen Momente zuständig. Am Ende sitzen Beide auf einer Bank und Louie hält einen seiner typischen Monologe: darüber, warum er derjenige ist, der sie beeindrucken muss und nicht umgekehrt. Obwohl er viel erfahrener ist, mehr Verantwortung trägt, als alleinerziehender Vater mehr leistet, während sie doch an erster Stelle nur jung und irgendwie süß ist.

Unabhängig davon, dass ich bei so einer Ansprache vermutlich genauso reagieren würde, wie es Louies Date letztendlich tut, ist die Szene grundsätzlich interessant. Die Frage, warum wer wen versucht zu beeindrucken, lässt sich nicht immer so einfach beantworten. Bei Louie geht es schließlich nicht nur um 15 Jahre Altersunterschied. Es geht auch um männlich oder weiblich, konventionell attraktiv oder davon abweichend, mit reproduktiven Leistungen was für die Gesellschaft getan oder nicht. Welche Faktoren wiegen mehr und unter welchen Bedingungen? Gibt es ein Diagramm über die Korrelation von sozialem Status und Alter der love interests? Was ist beliebter, reif und schlank oder jung und korpulent?

Natürlich erscheint es oberflächlich, Leute nach solchen Kriterien zu bewerten, gleichzeitig ist es aber oft Zustand. So war es zumindest vor paar Jahren in der BDSM-Subkultur üblich, dass eine Frau in den Zwanzigern überwiegend willkommen war, sich aber ein Mann über 50 mehr ins Zeug legen musste, um Bekanntschaften zu machen. Auch in komplett normalen Singlebörsen ist es überwiegend der Fall, dass man als weiblicher Nutzer eher reagiert statt agiert – ergab zumindest jahrelange Feldforschung.

Es ist natürlich klar, dass Nachfrage auch den zwischenmenschlichen Markt bestimmt und je nach Perspektive bestimmte Faktoren erstrebenswerter erscheinen als andere: wer langfristige Sicherheit möchte, hat andere Kriterien als jemand, der auf der Suche nach sexueller Erfüllung ist. Wer möglichst viele Bereiche abdeckt, ist am Ende für mehr Menschen interessant. Soweit ziemlich einfach. Wenn es um Mann und Frau im heterosexuellen Kontext geht, geht diese Logik allerdings verloren. Es ist ja nicht so, als würde ein ständiger Frauenmangel herrschen, trotzdem ist es die Ausnahme, dass Frauen die Initiative ergreifen. So zumindest die gängige Erfahrung meines Umfeldes.

Ehrlich gesagt bilde ich auch keine Ausnahme. In meinem Leben habe ich vielleicht drei oder vier Mal aktiv versucht, aus einer beiläufigen Bekanntschaft mehr zu machen und immer ging es komplett nach hinten los. Selbst wenn die Vorzeichen (Aufmerksamkeit, körperliche Präsenz, gemeinsame Unternehmungen) gar nicht so schlecht schienen. Zwar habe ich noch nie gehört, dass ein Mann es bewusst unattraktiv findet, wenn Frauen die Initiative ergreifen, aber Misstrauen weckt es vermutlich trotzdem. Wenn eine Frau sich nicht damit zufrieden gibt, auszuwählen, scheint das Angebot für sie (bzw. die Nachfrage nach ihr) doch eher bescheiden zu sein. Kurz: irgendwas stimmt mit ihr nicht.

Theorie zwei dahinter hat mit der comfort zone zu tun, in der die meisten von uns sich irgendwie befinden. Vor paar Tagen hatte ich das Thema mit einem ziemlich reflektierten Pickup Artist. Er vermutete, dass die meisten Männer, auch solche, die regelmäßig und viel Frauen ansprechen und flirten, es einfach nicht gewohnt sind, Zielobjekt zu sein. Daher reagieren sie ungeschickt, halten sich übermäßig zurück oder treffen vorschnell falsche Entscheidungen. Bei den Frauen wiederum gehört es für die wenigsten zur Routine, die Initiative zu ergreifen und Unbeholfenheit ist dann das Resultat. Weil sich im worst case also keiner von beiden wohl fühlt, lässt sich niemand mehr drauf ein und alles bleibt, wie es ist.

Selbst bin ich ein wenig hin und hergerissen. Einerseits kann ich mit meiner Passivität ganz gut leben. Weil ich sonst ziemlich selbstständig bin, finde ich es angenehm, mich auch mal zurücklehnen zu können und die Arbeit anderen zu überlassen. Plus: Interesse von außen gibt durchaus Bestätigung und Unsicherheit ist leider ziemlich oft mein Ding. Gleichzeitig ist da aber auch der Bruch mit meiner sonstigen Selbstwahrnehmung: ich bewerbe mich auf Jobs, unterschreibe Mietverträge und verreise alleine. Warum dann nicht auch konkret Interesse äußern oder Dates vorschlagen, anstatt abzuwarten, dass sich alles schon so fügen wird, wie es soll? Der Pickup Artist riet dazu, es darauf ankommen zu lassen. Schließlich ist es immer auch ein Ausschlusskriterium: Ist ein Mann, der nicht darauf klar kommt, wenn ich Initiative zeige, überhaupt der passende? Ich bin nicht sicher, ob es so einfach ist, schließlich möchte ich eigentlich auch beides: angesprochen werden, aber auch diejenige sein, die es übernimmt. Ohne, dass es am Ende zu seltsam wird.

Cool

DE, zuletzt: “Es war immer cool mit dir. Ich dachte, es könnte so bleiben, wenn es vorbei ist.”. Und Wochen später, der beste Freund: “Du hast immer so kühl über diese Dinge gesprochen – da konnte sich niemand vorstellen, dass du jemanden mehr möchtest, als umgekehrt.”.

Zwei. Zwei.

DE, die Lider gesenkt, den Mund schräg, das Schweigen durchbrochen von Gründen. Entscheidendster von allen: er fühlt nicht genug. Nicht genug für mich, nicht genug für seine Erwartungen. Und ich, ich bin so überrascht, es trifft mich alles so unerwartet, dass ich nicht weiß, wohin und zwischen verständnisvoll, geschwätzig und verstört rotiere, bis der Zug einfährt. Ein letztes Mal meine Hände in seinen und ich bin mir selber gegenüber sehr dankbar, es abgelehnt zu haben, dass wir uns weiter treffen, nur halt als Freunde. Das geht jetzt nicht.

Rf, der da ist, so wie in den letzten Jahren immer mal wieder. In dessen Wohnung ich mich überwiegend unbekleidet und auf allen vieren aufhalte und weil es schon so lange so ist, ist es nicht mehr pathetisch, sondern selbstverständlich. Mit einer Augenbinde bewege ich mich nackt durchs Dunkle, nur er kann mich sehen. Trotz aller Differenzen – bisher, jetzt, später – und den Worten, die auch hier oft fehlen, dem wenigen Wissen über einander, ist er mein Vertrauter.

 

Sex als Kapital

Momentan komme ich eher selten zum Bloggen. Das hat ein wenig damit zu tun, dass DE mittlerweile zwar nicht mein fester Partner ist, aber immerhin unter dem Hashtag „Was Ernsteres“ läuft und sogar davon weiß – nette Entwicklung, aber ohne viel Stoff für Geschichten. Hauptgrund für die Zurückhaltung ist jedoch meine berufliche Situation, irgendwo zwischen Studium und Festanstellung, mit Sechs-Tage-Woche, Unterzuckerung und Sublimierung.

Die Branche, in der ich arbeite, hat ihre eigenen Vor- und Nachteile, wie vermutlich jede andere auch. Tatsache ist aber, dass ich nicht unbedingt darauf gekommen wäre, sie auszuprobieren, hätte ich nicht einen Exfreund. Der wiederum hat nicht nur immer ausführlich über Überstunden und Bürointrigen geklagt, sondern mir auch einen ersten Job in dem Bereich besorgt.

Ex-Freunde und Affären haben mir schon öfters geholfen: bei den Hausaufgaben und bei Umzügen, bei der Wahl der richtigen Dozenten, bei Geldmangel und mit Fachwissen aus Bereichen, in denen ich mich wenig bis gar nicht auskenne. Ich habe nie gezielt mit jemandem geschlafen, weil ich seine Unterstützung brauchte. Dafür hatte ich aber schon mit vielen Menschen Sex. Und weil ich höchstens mir selber gegenüber anstrengend bin, ging der Kontakt danach nicht immer verloren.

Einwand wäre hier, dass ich ja auch Freunde habe, die mir helfen können. Ist aber so nicht ganz richtig. Freunde habe ich natürlich schon, aber da man sich in meinem Alter vor allem übers Studium, Freizeit und andere Freunde kennen lernt, sind sie ungefähr in derselben Lebenssituation wie ich und als professioneller Kontakt nicht nützlich. Männer, mit denen ich Sex habe, sind dagegen ziemlich unterschiedlich. Oft paar Jahre älter. Häufig mit anderem Background, was Herkunft und Beruf angeht und bei Letzterem mit mehr Erfahrung. Die Verschiedenheit ist nicht nur ganz praktisch, weil man ab und an mal was Anderes hört, als das, was die irgendwie-linken, irgendwie-gebildeten, Irgendwie-Akademiker-Freunde so erzählen. Es kann auch Vorteile bringen, die sich langfristig ökonomisch auszahlen.

Ein Bekannter und Freizeitpolyamorist geht davon aus, dass Polyamorie es auch deswegen rechtlich schwer hat, weil sie strukturell nicht wünschenswert ist. Dort, wo mehrere Partner mehrere Partner haben, bilden sich schnell Clans. Und ein Clan hat einen größeren Einfluss, kennt mehr Menschen, hat mehr soziales Kapital, als die konventionelle Vater-Mutter-Kind-Sache.

Für mich ist ein Clan eher unwahrscheinlich. Trotzdem ist die Situation natürlich bisschen unfair gegenüber Leuten, die keinen Sex haben wollen oder können. Andererseits: vielleicht haben diese Leute wiederum Eltern, die jemanden kennen. Oder sind so charismatisch, dass unterschiedliche Menschen auch ohne Sex ihre Gesellschaft suchen. Sowas steht mir dann wiederum nicht zur Verfügung.

Forward

Spontane Verabredung. Ein halbes Glas Wein in der Küche, dann küssen. Gepflegte Zuvorkommenheit als Basis, er schließt die Tür nicht ab, damit ich ihn nicht unheimlich finden kann. Wie bei letzter Gelegenheit auch, braucht er gefühlte zwei Stunden, um zu kommen. Das auch erst, als er mir wieder Mittel- und Ringfinger in den Mund schiebt. Sein Gedächtnis ist so verlässlich wie mein Blog: “Du warst die Vernünftige, die keine Kinder wollte…?”.

Noch fünf Wochen bis DE. Wir verkehren unregelmäßig und schriftlich. Meist harmlos, manchmal launig, in letzter Zeit fast romantisch. DE könnte die Hauptfigur in einem frühen Woody Allen-Film sein und aus Solidarität ziehe ich mit. Heißt, wir zerreden, verkopfen, relativieren so gut wir können. Dann sind da aber auch einfallslos romantische Sätze: ich freue mich auf ihn. Er denkt an mich. Es kann gar nicht so gut werden, wie ich es mir wünsche.

Short Stories

Zwei Mal neben DE einschlafen, zwei Mal neben DE aufwachen. Nur unsere Hände berühren sich, wie immer reden wir viel, stehen viel zu spät auf und dann ist es schon wieder Sonntag. Es sind immer noch drei Monate. Er beschreibt die Zeit danach, gemeinsame Nächte und Wochenenden, die kommen werden und uns und Sex im Überfluss. Die ersten fünf Monate ohne ihn waren leichter.

Besuch bei rf. Im Laufe des Nachmittages weine ich in eine Maske. Später, immer noch blind, lässt er mich mit gespreizten Beinen auf dem Bett liegen. Er fordert mich auf, es mir selbst zu machen. Er berührt mich nicht, ich spüre, wie er zwischen meinen Beinen kniet, höre, wie sein Atem immer schneller geht. Kurz bevor seine Freundin kommt, verabschieden wir uns von einander.

Ich hoffe, dass Ted Mosby stirbt

Okay, How I Met Your Mother gehört jetzt nicht zu den stärksen Serienformaten. Die Folgen unterscheiden sich unwesentlich und schon der Titel verrät, worauf das Ganze am Ende hinauslaufen wird*. Trotzdem gucke ich es regelmäßig, da es einfach entspannte Ablenkung beim Bügeln, Abwaschen oder Hornhaut raspeln ist. Letztens fiel mir dabei auf, was mich an HIMYM noch nervt, über die Irrelevanz der Protagonisten hinaus: die dargestellte Notwendigkeit, dass am Ende alle Menschen paarweise in Erscheinung treten müssen. Arche Noah als Lebensgefühl.

Es ist ja nicht nur das seichte Programm wie HIMYM, die aus der romantischen Zweierbeziehung den Sinn des Lebens macht. Grundsätzlich finde ich das auch nicht schlimm, lese ich doch selbst gerne Mal Jane Austen, mag Filme wie When Harry Met Sally und hoffe insgeheim (oder offensichtlich), irgendwann auch mal jemanden zu finden, mit dem ich mein Essen teilen würde. Ein wenig Misstrauen bleibt dennoch, denn ich weiß nicht, ob ich wirklich einen anderen Menschen dauerhaft und mit Vollkontakt in meinem Leben haben möchte, oder ob ich nur glaube, es zu wollen, weil ich in eine Welt voller romantischer Geschichten sozialisiert wurde.

Unabhängig von der Frage, was wir wollen (und meiner Meinung nach wichtiger), ist die Frage, was überhaupt möglich ist. Eine Freundin hatte einen Studentenjob bei einem Verein, der sich um alleinstehende Senioren kümmerte. Einige dieser Menschen waren verwitwet oder auch geschieden, es gab aber auch etliche, die nie verheiratet waren und auch nicht in wilder Ehe oder ähnlichen Verhältnissen gelebt hatten. Sie waren nicht verwahrlost, weder körperlich noch geistig, sie waren einfach nie in der Situation gewesen, dass es einen Menschen gab, mit dem eine langfristige Partnerschaft in Frage kam. Die Wahrheit ist, dass einige von uns ihr Leben alleine verbringen werden. Es gibt kein Recht auf Liebe. Darauf müssen wir klar kommen. Kommen wir darauf klar?

Während ich diesen Text schreibe, überlege ich, ob mir ein Buch oder Film einfällt, der von einem Leben alleine handelt, ohne dass die Hauptfigur am Ende in einer Waldhütte Waschbären häutet oder mit dem Luftgewehrt auf Schulkinder schießt. Leider fällt mir spontan nichts ein, was aber auch nicht repräsentativ sein muss. Ist schließlich auch nicht unbedingt etwas, was ich lesen wollen würde. Was aber auch nur wieder ein Synonym dafür ist, dass für mich die Erfahrungen einer einzelnen Person mit sich selbst** nicht so spannend sein können, wie das, was zwei Menschen an einander haben.

Rein ideologisch fände ich es dennoch interessant und wichtig, dass es mehr Geschichten über Menschen gibt, die ein halbwegs ausgeglichenes Leben alleine führen (beziehungsweise sich dorthin entwickeln, Geschichten über Paare sind schließlich auch nicht konfliktfrei). So wie Medien unsere Vorstellungen von Liebe, Sex, Romantik prägen, prägen sie schließlich auch unsere Vorstellungen davon, was man mit sich anfangen kann, wenn es keinen Anderen gibt. Alleine leben wird dann schnell mit Isolation und Einsamkeit assoziiert. Wer denkt bei “Alleinstehender Mann, Mitte 50, nie verheiratet, unauffällige Lebensweise.” spontan an etwas, was wesentlich von Ja!-Aufschnitt in Plastikverpackungen, langen Unterhosen und abgestandenem Pils neben einem flimmerndem Spielautomaten abweicht?***

Nach der Trennung meiner Eltern hatte meine Mutter einige Verabredungen. Dabei stellte sie fest, dass Männer in ihrer Altersgruppe kaum grundlos alleinstehend sind und widmete sich fortan der Gartenarbeit (dem Kirchenchor, jährlichen Reisen, der Lokalpolitik, Handarbeiten, Wanderungen, ihrem unübersichtlichen Freundeskreis und natürlich ihrer Vollzeitbeschäftigung). Ein Mal fragte ich sie, ob sie sich alleine fühlt, weil mittlerweile alle Kinder aus dem Haus sind, aber dafür fehlt ihr die Zeit. Auch wenn ich hoffe, nie in so eine Situation zu kommen (Die Auswirkung der Paar-Ideologie?), finde ich es gut, dass sie konsequent ist. Anders als ihre eigene Mutter, die ihr Leben mit einem Mann verbringt, mit dem sie sich nichts zu sagen hat und wenn doch, dann nichts Gutes.

Es macht mich nachdenklich, dass ich selbst, trotz schlimmer Paare und halbwegs zufriedener Langzeitsingles in meinem Umfeld, eher auf eine funktionale Zweierbeziehung als auf ein Happy End alleine hoffe. Die Faktenlage spricht nicht zwangsläufig für ein Leben zu zweit, denn für geselliges Miteinander, finanzielle Sicherheit und regelmäßigen Sex gibt es auch andere Ressourcen. Wie weiter oben schon angedeutet, habe ich keine Ahnung, ob es Sozialisation oder Biologie ist, was Partnerschaften so erstrebenswert erscheinen lässt. Was ich schön fände wäre allerdings, wenn Single-sein irgendwann nicht nur ein Ausnahmezustand ist. Wenn im Fernsehen nicht mehr alle heiraten müssen, damit die Gleichung aufgeht. Daher hoffe ich, dass Ted Mosby in der finalen HIMYM-Folge die Treppe runter- und ins Koma fällt und die Dialoge mit seinen zukünftigen Kindern nur geträumt sind. Oder so ähnlich.

*An dieser Stelle hoffe ich aufrichtig, dass die Produzenten auf die letzten Folgen hin nicht noch experimentierfreudig werden, weil: wird sonst peinlich.

**Höhö.

*** Ebenfalls peinlich: wenn ich die Einzige mit solchen Assoziationen bin.