Auch in meiner Twittertimeline wird gerne Mal die Sau durchs Dorf getrieben und heute war dieser Artikel von Nina Pauer dran. Ihrer Meinung nach sind junge Männer heutzutage zu soft, zu emotional, zu sehr auf sich und die eigenen Gedanken konzentriert. Lauter junge Werther, die vor Verunsicherung nicht in der Lage sind, bei Frauen mehr als nur platonisches Interesse zu wecken. Bis zu einem gewissen Grad ist die Empörung der Timeline sicherlich berechtigt: Nina Pauer verallgemeinert Männer und Frauen. Sie geht davon aus, dass eine ganze Generation von Männern aus Akustikgitarristen besteht und das alle Frauen jemanden wollen, der Dosenbier trinkt. So einfach ist es dann doch nicht.
Komplett unrecht hat sie meiner Wahrnehmung nach (Achtung, subjektiv!) auch nicht. Über das Thema stolperten eine Freundin und ich öfters. Die gebildeten, belesenen, kreativen Jungs, mit denen wir an der Uni und im alternativeren studentischen Umfeld zu tun haben, sind vielleicht gute Gesprächspartner. Bestimmt als Freund verlässlich und sozial engagiert sowieso. Romantische und sexuelle Interessen teilen wir dann aber doch immer eher mit Anderen: sie mit Sportlern und Hip-Hoppern, ich mit Männern, die beruflich Anzug oder Uniform tragen. Also eher Vertretern stereotyper Vorstellungen darüber, wie ein Mann zu sein hat: vor allem anders als wir.
Aufgefallen ist uns dieser Zustand vermutlich auf einer Party bei Fachschaft, Asta oder in einem Indie-Club. Während andernorts, bei schlechterer Musik und mit mehr Alkohol, gegen 3 Uhr geknutscht wird, betreibt man hier, in meist mitgebrachten Gruppen, Konversation. Das ist sehr stilvoll und vernünftig und auch sehr langweilig. Zumindest für uns. Es gab auch nicht nur eine Veranstaltung dieser Art, die wir erlebten. Natürlich hätten wir etwas daran ändern können. Auf die Leute zugehen oder mit unseren Bekannten Spass haben, unabhängig vom Umfeld. All diese Sozialpädagogenideen. Stattdessen suchten wir uns andere Möglichkeiten, um Abend und Nacht zu gestalten.
So wie wir auch andere Männer suchen, als die, die sich auf solchen Partys aufhalten. Für die Freundin sind es solche, die gerne und wenig subtil flirten, unabhängig vom Endergebnis. Wer sich selbst und seine Handlungen durchgehend reflektiert, ist als Flirt eher schwierig, selbst wenn er nicht den ersten Schritt machen muss. Angehende Soziologen oder Literaturwissenschaftler mit Foucault-Lektürekurs harmonierten selten mit den Kommunikationsinteressen der Freundin.
Ich dagegen finde es angenehm, dem Mann die Initiative zu überlassen. Ich mag Regeln und Rituale, wenn er die Getränke bestellt und mich am Ende des Abends nach Hause bringt. Es als reaktionär zu bezeichnen ändert an dieser Einstellung vermutlich wenig. Aber ich bin mir auch nicht sicher, ob reaktionär bei mir zutrifft. Zumindest wüsste ich in meiner Familie keine Frau, die sich eher passiv verhalten konnte. Passivität ist Luxus, wenn alle Geld verdienen müssen.
Jemandem die Führung überlassen ist ein Ausnahmezustand, etwas Besonderes für mich. Entsprechend mag ich Männer, die damit umgehen können. Die wiederum finde ich weniger zwischen Hipsterjungs und bärtigen Weltverbesserern, auch wenn denen gelegentlich unterstellt wird, dass sie trotz aller guten Absichten am Mackergehabe festhalten. Was nicht heißen muss, dass es sie dort nicht geben kann, nur habe ich bisher keinen von ihnen getroffen. Besser klappt es da mit Männern, deren Lebensstil konventioneller ist.
Für mich hat Nina Pauer insofern recht, als dass es in bestimmten Kreisen schwierig wird, wenn man vor allem vom Mann Initiative erwartet. Machen aber vermutlich nicht alle Frauen und selbst wenn: das was man möchte und das was funktioniert befinden sich nicht notwendigerweise in einem kausalen Verhältnis. Der Iron & Wine-Hörer in Pauers Artikel sucht Verständnis und wird unsexy. Ich mag es, wenn der Mann den Ton angibt, fühle mich aber bevormundet, wenn die Situation die Falsche ist. Komplikationen kann es überall geben und was bliebe von sexueller Spannung, Romantik oder Liebe, wenn alles einfach wäre? Damit es passen kann, braucht es auch Verbindungen, die scheitern.