Zwei. Zwei.

DE, die Lider gesenkt, den Mund schräg, das Schweigen durchbrochen von Gründen. Entscheidendster von allen: er fühlt nicht genug. Nicht genug für mich, nicht genug für seine Erwartungen. Und ich, ich bin so überrascht, es trifft mich alles so unerwartet, dass ich nicht weiß, wohin und zwischen verständnisvoll, geschwätzig und verstört rotiere, bis der Zug einfährt. Ein letztes Mal meine Hände in seinen und ich bin mir selber gegenüber sehr dankbar, es abgelehnt zu haben, dass wir uns weiter treffen, nur halt als Freunde. Das geht jetzt nicht.

Rf, der da ist, so wie in den letzten Jahren immer mal wieder. In dessen Wohnung ich mich überwiegend unbekleidet und auf allen vieren aufhalte und weil es schon so lange so ist, ist es nicht mehr pathetisch, sondern selbstverständlich. Mit einer Augenbinde bewege ich mich nackt durchs Dunkle, nur er kann mich sehen. Trotz aller Differenzen – bisher, jetzt, später – und den Worten, die auch hier oft fehlen, dem wenigen Wissen über einander, ist er mein Vertrauter.

 

Sex als Kapital

Momentan komme ich eher selten zum Bloggen. Das hat ein wenig damit zu tun, dass DE mittlerweile zwar nicht mein fester Partner ist, aber immerhin unter dem Hashtag „Was Ernsteres“ läuft und sogar davon weiß – nette Entwicklung, aber ohne viel Stoff für Geschichten. Hauptgrund für die Zurückhaltung ist jedoch meine berufliche Situation, irgendwo zwischen Studium und Festanstellung, mit Sechs-Tage-Woche, Unterzuckerung und Sublimierung.

Die Branche, in der ich arbeite, hat ihre eigenen Vor- und Nachteile, wie vermutlich jede andere auch. Tatsache ist aber, dass ich nicht unbedingt darauf gekommen wäre, sie auszuprobieren, hätte ich nicht einen Exfreund. Der wiederum hat nicht nur immer ausführlich über Überstunden und Bürointrigen geklagt, sondern mir auch einen ersten Job in dem Bereich besorgt.

Ex-Freunde und Affären haben mir schon öfters geholfen: bei den Hausaufgaben und bei Umzügen, bei der Wahl der richtigen Dozenten, bei Geldmangel und mit Fachwissen aus Bereichen, in denen ich mich wenig bis gar nicht auskenne. Ich habe nie gezielt mit jemandem geschlafen, weil ich seine Unterstützung brauchte. Dafür hatte ich aber schon mit vielen Menschen Sex. Und weil ich höchstens mir selber gegenüber anstrengend bin, ging der Kontakt danach nicht immer verloren.

Einwand wäre hier, dass ich ja auch Freunde habe, die mir helfen können. Ist aber so nicht ganz richtig. Freunde habe ich natürlich schon, aber da man sich in meinem Alter vor allem übers Studium, Freizeit und andere Freunde kennen lernt, sind sie ungefähr in derselben Lebenssituation wie ich und als professioneller Kontakt nicht nützlich. Männer, mit denen ich Sex habe, sind dagegen ziemlich unterschiedlich. Oft paar Jahre älter. Häufig mit anderem Background, was Herkunft und Beruf angeht und bei Letzterem mit mehr Erfahrung. Die Verschiedenheit ist nicht nur ganz praktisch, weil man ab und an mal was Anderes hört, als das, was die irgendwie-linken, irgendwie-gebildeten, Irgendwie-Akademiker-Freunde so erzählen. Es kann auch Vorteile bringen, die sich langfristig ökonomisch auszahlen.

Ein Bekannter und Freizeitpolyamorist geht davon aus, dass Polyamorie es auch deswegen rechtlich schwer hat, weil sie strukturell nicht wünschenswert ist. Dort, wo mehrere Partner mehrere Partner haben, bilden sich schnell Clans. Und ein Clan hat einen größeren Einfluss, kennt mehr Menschen, hat mehr soziales Kapital, als die konventionelle Vater-Mutter-Kind-Sache.

Für mich ist ein Clan eher unwahrscheinlich. Trotzdem ist die Situation natürlich bisschen unfair gegenüber Leuten, die keinen Sex haben wollen oder können. Andererseits: vielleicht haben diese Leute wiederum Eltern, die jemanden kennen. Oder sind so charismatisch, dass unterschiedliche Menschen auch ohne Sex ihre Gesellschaft suchen. Sowas steht mir dann wiederum nicht zur Verfügung.

Forward

Spontane Verabredung. Ein halbes Glas Wein in der Küche, dann küssen. Gepflegte Zuvorkommenheit als Basis, er schließt die Tür nicht ab, damit ich ihn nicht unheimlich finden kann. Wie bei letzter Gelegenheit auch, braucht er gefühlte zwei Stunden, um zu kommen. Das auch erst, als er mir wieder Mittel- und Ringfinger in den Mund schiebt. Sein Gedächtnis ist so verlässlich wie mein Blog: “Du warst die Vernünftige, die keine Kinder wollte…?”.

Noch fünf Wochen bis DE. Wir verkehren unregelmäßig und schriftlich. Meist harmlos, manchmal launig, in letzter Zeit fast romantisch. DE könnte die Hauptfigur in einem frühen Woody Allen-Film sein und aus Solidarität ziehe ich mit. Heißt, wir zerreden, verkopfen, relativieren so gut wir können. Dann sind da aber auch einfallslos romantische Sätze: ich freue mich auf ihn. Er denkt an mich. Es kann gar nicht so gut werden, wie ich es mir wünsche.

Short Stories

Zwei Mal neben DE einschlafen, zwei Mal neben DE aufwachen. Nur unsere Hände berühren sich, wie immer reden wir viel, stehen viel zu spät auf und dann ist es schon wieder Sonntag. Es sind immer noch drei Monate. Er beschreibt die Zeit danach, gemeinsame Nächte und Wochenenden, die kommen werden und uns und Sex im Überfluss. Die ersten fünf Monate ohne ihn waren leichter.

Besuch bei rf. Im Laufe des Nachmittages weine ich in eine Maske. Später, immer noch blind, lässt er mich mit gespreizten Beinen auf dem Bett liegen. Er fordert mich auf, es mir selbst zu machen. Er berührt mich nicht, ich spüre, wie er zwischen meinen Beinen kniet, höre, wie sein Atem immer schneller geht. Kurz bevor seine Freundin kommt, verabschieden wir uns von einander.

Ich hoffe, dass Ted Mosby stirbt

Okay, How I Met Your Mother gehört jetzt nicht zu den stärksen Serienformaten. Die Folgen unterscheiden sich unwesentlich und schon der Titel verrät, worauf das Ganze am Ende hinauslaufen wird*. Trotzdem gucke ich es regelmäßig, da es einfach entspannte Ablenkung beim Bügeln, Abwaschen oder Hornhaut raspeln ist. Letztens fiel mir dabei auf, was mich an HIMYM noch nervt, über die Irrelevanz der Protagonisten hinaus: die dargestellte Notwendigkeit, dass am Ende alle Menschen paarweise in Erscheinung treten müssen. Arche Noah als Lebensgefühl.

Es ist ja nicht nur das seichte Programm wie HIMYM, die aus der romantischen Zweierbeziehung den Sinn des Lebens macht. Grundsätzlich finde ich das auch nicht schlimm, lese ich doch selbst gerne Mal Jane Austen, mag Filme wie When Harry Met Sally und hoffe insgeheim (oder offensichtlich), irgendwann auch mal jemanden zu finden, mit dem ich mein Essen teilen würde. Ein wenig Misstrauen bleibt dennoch, denn ich weiß nicht, ob ich wirklich einen anderen Menschen dauerhaft und mit Vollkontakt in meinem Leben haben möchte, oder ob ich nur glaube, es zu wollen, weil ich in eine Welt voller romantischer Geschichten sozialisiert wurde.

Unabhängig von der Frage, was wir wollen (und meiner Meinung nach wichtiger), ist die Frage, was überhaupt möglich ist. Eine Freundin hatte einen Studentenjob bei einem Verein, der sich um alleinstehende Senioren kümmerte. Einige dieser Menschen waren verwitwet oder auch geschieden, es gab aber auch etliche, die nie verheiratet waren und auch nicht in wilder Ehe oder ähnlichen Verhältnissen gelebt hatten. Sie waren nicht verwahrlost, weder körperlich noch geistig, sie waren einfach nie in der Situation gewesen, dass es einen Menschen gab, mit dem eine langfristige Partnerschaft in Frage kam. Die Wahrheit ist, dass einige von uns ihr Leben alleine verbringen werden. Es gibt kein Recht auf Liebe. Darauf müssen wir klar kommen. Kommen wir darauf klar?

Während ich diesen Text schreibe, überlege ich, ob mir ein Buch oder Film einfällt, der von einem Leben alleine handelt, ohne dass die Hauptfigur am Ende in einer Waldhütte Waschbären häutet oder mit dem Luftgewehrt auf Schulkinder schießt. Leider fällt mir spontan nichts ein, was aber auch nicht repräsentativ sein muss. Ist schließlich auch nicht unbedingt etwas, was ich lesen wollen würde. Was aber auch nur wieder ein Synonym dafür ist, dass für mich die Erfahrungen einer einzelnen Person mit sich selbst** nicht so spannend sein können, wie das, was zwei Menschen an einander haben.

Rein ideologisch fände ich es dennoch interessant und wichtig, dass es mehr Geschichten über Menschen gibt, die ein halbwegs ausgeglichenes Leben alleine führen (beziehungsweise sich dorthin entwickeln, Geschichten über Paare sind schließlich auch nicht konfliktfrei). So wie Medien unsere Vorstellungen von Liebe, Sex, Romantik prägen, prägen sie schließlich auch unsere Vorstellungen davon, was man mit sich anfangen kann, wenn es keinen Anderen gibt. Alleine leben wird dann schnell mit Isolation und Einsamkeit assoziiert. Wer denkt bei “Alleinstehender Mann, Mitte 50, nie verheiratet, unauffällige Lebensweise.” spontan an etwas, was wesentlich von Ja!-Aufschnitt in Plastikverpackungen, langen Unterhosen und abgestandenem Pils neben einem flimmerndem Spielautomaten abweicht?***

Nach der Trennung meiner Eltern hatte meine Mutter einige Verabredungen. Dabei stellte sie fest, dass Männer in ihrer Altersgruppe kaum grundlos alleinstehend sind und widmete sich fortan der Gartenarbeit (dem Kirchenchor, jährlichen Reisen, der Lokalpolitik, Handarbeiten, Wanderungen, ihrem unübersichtlichen Freundeskreis und natürlich ihrer Vollzeitbeschäftigung). Ein Mal fragte ich sie, ob sie sich alleine fühlt, weil mittlerweile alle Kinder aus dem Haus sind, aber dafür fehlt ihr die Zeit. Auch wenn ich hoffe, nie in so eine Situation zu kommen (Die Auswirkung der Paar-Ideologie?), finde ich es gut, dass sie konsequent ist. Anders als ihre eigene Mutter, die ihr Leben mit einem Mann verbringt, mit dem sie sich nichts zu sagen hat und wenn doch, dann nichts Gutes.

Es macht mich nachdenklich, dass ich selbst, trotz schlimmer Paare und halbwegs zufriedener Langzeitsingles in meinem Umfeld, eher auf eine funktionale Zweierbeziehung als auf ein Happy End alleine hoffe. Die Faktenlage spricht nicht zwangsläufig für ein Leben zu zweit, denn für geselliges Miteinander, finanzielle Sicherheit und regelmäßigen Sex gibt es auch andere Ressourcen. Wie weiter oben schon angedeutet, habe ich keine Ahnung, ob es Sozialisation oder Biologie ist, was Partnerschaften so erstrebenswert erscheinen lässt. Was ich schön fände wäre allerdings, wenn Single-sein irgendwann nicht nur ein Ausnahmezustand ist. Wenn im Fernsehen nicht mehr alle heiraten müssen, damit die Gleichung aufgeht. Daher hoffe ich, dass Ted Mosby in der finalen HIMYM-Folge die Treppe runter- und ins Koma fällt und die Dialoge mit seinen zukünftigen Kindern nur geträumt sind. Oder so ähnlich.

*An dieser Stelle hoffe ich aufrichtig, dass die Produzenten auf die letzten Folgen hin nicht noch experimentierfreudig werden, weil: wird sonst peinlich.

**Höhö.

*** Ebenfalls peinlich: wenn ich die Einzige mit solchen Assoziationen bin.

*

“Es ist gut, dass ich dir nicht fehle. Und es ist gut, dass du dich auf das Wiedersehen freust.”

Der Nebeneffekt

Das ich für Sex Geld bekam, kam bisher eher selten vor. Wenn, dann war es nicht systematisch. Eher ein Angebot, dass zum Argument wurde. Eine Gelegenheit, die ich nutzte. Von Prostitution habe ich dadurch genauso viel oder wenig Ahnung wie die meisten Menschen. Ich vermute, dass die Realität irgendwo zwischen den unterschiedlichen Perspektiven liegt: Auf der einen Seite sexpositive Feministinnen und Sexworkerinnen, die aufgrund von Ausbildung und Herkunft gute Alternativen haben, um Lohnerwerb und Selbstverwirklichung zu verbinden. Auf der anderen Seite stehen EMMA-Leserinnen und Polizisten/Sozialarbeiter/Journalisten, die berufsbedingt dann mit Prostitution zu tun haben, wenn was schief läuft. Die einen argumentieren mit der eigenen Entscheidungsfreiheit, die anderen mit Worst case-Szenarien.

Trotz allgemeiner Unentschlossenheit erscheint mir ein Verbot von Prostitution (oder zumindest der Inanspruchnahme entsprechender Dienstleistungen) unlogisch. Gegen Gewalt in der Ehe geht man auch nicht vor, in dem man die Zweierbeziehung als solche abschafft. Beim Thema Polizeigewalt fordern die Wenigsten die Auflösung der Staatsmacht an sich. Stattdessen versucht man es mit Hilfsangeboten für Betroffene, mit Sensibilisierung potentieller Täter oder Zeugen, mit Transparenz bei involvierten Institutionen. Mir ist unklar, warum man so etwas nicht auch dort fördert, wo es um Risiken geht, die aus Sexarbeit hervorgehen können.

Unabhängig davon, in wie weit jemand selbst von Prostitution betroffen ist, ist die Debatte auch interessant, weil sie zeigt, wie Sexualität in unserer Gesellschaft aktuell gesehen wird. Zumindest dann, wenn es nicht unmittelbar um Menschenhandel, sondern um Prostitution allgemein geht. Gegen Prostitution wird oft angeführt, dass Sex etwas ist, was unbedingt mit Liebe oder doch zumindest mit Lust verbunden sein sollte. Ist natürlich toll, wenn beides der Fall ist, aber es ist genauso menschlich, wenn weder das eine, noch das andere zutrifft. Im Gegensatz zu Rind und Katze ist Mensch in der Lage, bewusst Entscheidungen zu treffen, anstatt sich einfach von Impulsen leiten zu lassen. Sofern anatomisch möglich, kann man so auch ohne unmittelbares Verlangen sexuell interagieren. Entsprechend sind Lust und Zustimmung gelegentlich zwei paar Schuhe.

Auch ohne Prostitution gibt es einige Gründe für Sex, bei denen Lust bestenfalls nebensächlich ist. Mich haben u.A. motiviert: Neugier, Langeweile, Einsamkeit, Suche nach extremen Erfahrungen, das Bedürfnis, jemandem, an dem mir was liegt, was Gutes zu tun. Natürlich war das Resultat nicht immer befriedigend. Ist es schließlich bei Lust als Auslöser auch nicht. Aber ich habe dadurch nicht meine Würde verloren: ich habe mich dafür entschieden, ohne Zwang, weder durch Konventionen, noch durch den jeweiligen Mann. Schlechter Sex kommt eben vor, genauso wie schlechtes Essen. Das ist unerfreulich, aber nicht traumatisierend.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der These, dass Sex unbedingt was Intimes, Privates ist (und daher als Ware immer auch die „Seele“ der Anbieterin beinhaltet). Im Kern mag es vielleicht stimmen, wo die Privatsphäre anfängt, entscheidet jedoch jeder für sich selbst. Mit Sex verhält es sich genauso, ein Wort oder eine Berührung kann je nach Kontext beiläufig oder aufgeladen sein. Manche Menschen besuchen Swingerclubs, andere bleiben lieber zu Hause. Die einen behandeln ihren Körper wie einen Tempel, die anderen sind eher säkular unterwegs. Persönlich finde ich Wünsche äußern, Gefühle artikulieren, meine Meinung sagen wesentlich intimer, persönlicher als Geschlechtsverkehr. Biologisch unterscheiden sich Menschen nicht wesentlich. Wenn ich mit jemanden Sex habe, passiert wenig, was sich nicht auch im Voraus grob erahnen lässt. Wenn ich etwas sage, setze ich mich viel stärker der Gefahr aus, nicht angenommen zu werden. Sex wurde immer dann für mich intim, wenn es nicht nur um die Basics ging.

Ich möchte nicht behaupten, dass jeder meine Einstellung zu Sex teilen soll. Genauso wenig möchte ich gesagt bekommen, wie mein Sex zu sein hat. Talkrunden, Artikel und Bücher zu Prostitution haben leider gelegentlich diesen Nebeneffekt. Sexualität ist subjektiv und ich gehe davon aus, dass es auch für Menschen gilt, die damit ihr Geld verdienen.