4. Juni 2009

Sauber

X. hat beschlossen, normal zu sein. Kein SM mehr, keine Affären, ich war vermutlich seine letzte, nach fünf Jahren. Es ist alles zu belastend und umständlich, weckt nur noch mehr Bedürfnisse und erhöht die moralische Diskrepanz. Stattdessen wird Sublimierung betrieben, Energie in andere Dinge investiert.

Es ist traurig und deprimierend, auch wenn ich weiß, dass ich nichts davon hätte, wäre es anders. Nur finde ich, sollte man diese Form von Selbstaufgabe nicht jetzt schon praktizieren, wo es doch kaum Verpflichtungen gibt. Und ich denke an seine Begeisterung und an die dunklen und gelassenen Blicke, als es mit uns gut lief.

31. Mai 2009

Indiskretion

Im Vorbeigehen legt er kurz seine Hand auf meinen Po und es ist klar, dass wir versuchen werden dort anzuknüpfen, wo es beim letzten Mal endete. Das war in irgendeinem Seitengang, ich lehnte an der Wand, wir knutschten und er fingerte mich schnell und hart. Für mehr fehlte leider die Zeit, aber wie es so ist, vor allem in einer nicht allzu großen Stadt wie dieser: Man sieht sich immer auch ein weiteres Mal.

Einige Zeit später liege ich unter ihm. Dann auf ihm. Dann wieder unter ihm. Er fragt, ob ich betrunken nicht kommen kann und ich antworte, dass ich das nie können würde, er sich aber nicht darum zu kümmern bräuchte. Dann geht es schnell. Wir ziehen uns an, gehen getrennt und mit einigen Minuten Abstand zurück auf die Party.

Am Ende der Nacht sehe ich zwei Betrunkenen beim Diskutieren zu. Der eine kommt zu mir rüber, sieht mich an und lallt “Du siehst aus, wie einer von den Leuten, die immer so traurig sind”, sucht nach dem Wort und fügt “Wie ein Emo” dem vorangegangenen Satz hinzu. Sein Kumpel, der vorher schon mehrfach versucht hat, seinen Arm um mich zu legen, interveniert, meint, es würde nicht stimmen und das ich eine tolle Frau wäre. Sieht mich interessierter an, beugt sich zu mir runter und fragt, ob ich Lust auf Sex habe.

Mittlerweile gibt es wieder Tageslicht. Wir sitzen auf seinem Bett, er zündet sich einen Joint an, spricht über die Leute, die auf der Party waren, beschwert sich über einige, auch über die vorangegangene Bekanntschaft meinerseits, benutzt Wörter wie “Hass” und “nervig”. Sein Diskussionspartner und Kumpel fläzt vorm Rechner, sucht Musik raus, irgendwas mit Eichel und aufs Holzbrett hauen. Verdächtige ihn, nüchterner zu sein, als die Anderen annehmen.

Irgendwann wird es der Fickoption zu viel, er setzt seinen Kumpel plus Grasrest vor die Tür und kommt zu mir. Wir küssen uns und es ist gut, ich mag das Kratzen seiner Bartstoppeln in meinem Gesicht und die Leichtigkeit seiner Zunge. Bald sind wir nackt. Er zieht mich auf sich, ich knie mich über sein Gesicht und überlasse ihm den Job.

28. Mai 2009

In Wirklichkeit

Hatte mir vorgenommen, keinen Spass zu haben. Um anschließend X. berichten zu können, wie einzigartig und authentisch das mit uns gewesen ist. Ich war sogar noch diszipliniert genug zu denken, ein weiteres “Leide für mich!” würde zwangsläufig zum Rollentausch führen, dann wurde es jedoch und leider gut.

Mit M. fehlte der hierarchische Aspekt, das körperliche lag irgendwo zwischen sportlicher Herausforderung und 08/15-Rumvögeln. Mit X. war es gewaltig, als auch gewalttätig. Jetzt schien das Verhältnis von Lust und Schmerz durchkonstruiert, stimmig und spielerisch zu sein. Mal klemmte er mir die Nippel ab, behandelte sie grob, dann brachte er mich dazu, seinen Schwanz in den Mund zu nehmen, penetrierte mich auf diesen Weg hart. Er schlug mich, bis ich laut wurde und fickte mich, vorsichtig.

Ich mag die Distanz, wenn man sich noch nicht gut kennt. Wenn man noch überlegt, ob man sich küssen soll oder nicht, wenn noch unklar ist, wer die Initiative ergreift und wer welchen Einfluss auf das Geschehen hat. Wenn es noch mit Hemmungen und Schamgefühl verbunden ist, jemanden zwischen die gespreizten Beine blicken zu lassen und man unentschlossen ist, ob fremde Finger, die sich in intimere Körperöffnungen bohren, erregend oder verunsichernd sind.

Die “Verkaterung” am nächsten Tag verwies darauf, dass wir es wohl doch nicht so langsam hatten angehen lassen, wie in dem Augenblick gedacht. Überempfindliche, teilweise verschorfte Brustwarzen, Striemen auf Brust und der Innenseite der Oberschenkel, Schwellungen am Po, sich sich langsam von harten Platten zu blauen Flecken umwandelten. Dazu: Grinsen im Gesicht – für meine Berechnung viel zu fröhlich und ein geplantes drittes Date in der Tasche.

15. Mai 2009

Warten

In den letzten Wochen immer wieder hin und her mit Date3, zur Abwechslung auch mit X.. Pünktlich zu Date3 habe ich mir vorgenommen, keine Spielchen zu spielen. Aus der Arroganz heraus, dass so etwas für Leute ist, die intellektuell nicht ausgelastet sind, die nicht genug Beschäftigung haben und daher auch aus ihrem Liebesleben strategische Konzepte machen. Ich will nur Sex, SM und ein bisschen mehr, das alles jedoch nicht zum Mittelpunkt meiner Interessen machen. Ich bin offen, sage ihm, dass ich ihn wiedersehen will, gehe auf seine Neugierde bezüglich meiner Vergangenheit und meinen Erwartungen an ihn ein, versuche Hintergedanken auszublenden, eigene Interessen nicht durch Manipulation durchsetzen zu wollen. Leider ist es nicht so einfach, mit wird schnell klar, dass dazu einmal mehr Zwei gehören, plus der relevantere Teil der gemachten Erfahrungen. Ich melde mich für vier oder fünf Tage nicht, er nimmt an, ich hätte das Interesse verloren, dabei wollte ich nur nicht zu anhänglich sein. Er meint, es wäre die Erfahrung, es kam schon vor, dass Frauen sich plötzlich nicht mehr gemeldet haben und wir wissen beide, dass man so jemanden nicht hinterher läuft. Bei mir ist es auch die Erfahrung und ich weiß plötzlich, wie seltsam ich durch die Sache mit X. geworden bin. Zwar bin ich mir nicht mehr ganz sicher, wie es vor ihm war, aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich irgendwann schon Mal über Wochen und Monate den Drang unterdrücken musste, mich bei jemanden zu melden, dass es normal war, unfreiwillig so lange auf ein bisschen Zeit zu warten. Ich bin nicht kalt, nur scheint es mir selbstverständlich, Distanz zu waren und erst auf Zuruf zu reagieren. Das es mit Date3 so gleichwertig abläuft, dass auch er auf Nachricht von mir wartet, erstaunt mich ein wenig.

Und X.? Er schreibt mir, dass er mich ficken könnte, dass ich nicht ablehnen würde, trotz alledem. Als wäre es daran gescheitert. 

30. April 2009

Lou

“Der Mensch von heute weiß schon besser, daß Menschen einander niemals »besitzen«, daß sie einander gewinnen oder verlieren in jedem Augenblick des Lebens, und daß die Liebe überhaupt nur in ihrer tatsächlichen spontanen Wirkung »vorhanden« ist. Aus diesem Grunde ist es heute schwieriger, Frivolität oder Spiel gegen wirkliche Liebesergriffenheit abzugrenzen, und doch sind sie nicht stärker vermischt als ehemals: es ist vielmehr weniger gleichgültig als je, wen man liebt, und wie man es tut.”

aus: Lou Andreas-Salomé: Gedanken über das Liebesproblem

30. April 2009

Klassiker

Was ich mag: Seine Hand, egal ob es ihn schon länger gibt oder erst seit ein paar Stunden, auf meinem Oberschenkel, sobald ich zu ihm ins Auto gestiegen bin.

Neben dem Versprechen, der Aussicht, die diese Geste beinhaltet, signalisiert es auch: Anwesenheit, neben mir, bei mir. Zumindest bis zum Ende der Fahrt.

10. April 2009

Date III

Nach zwei Stunden wusste er ziemlich viel. Die von mir bevorzugte Art, Körperbehaarung zu entfernen, meine Masturbationsgewohnheiten und wie ich gerne geküsst werde. Trotzdem saßen wir noch nebeneinander, mit einem Meter Sicherheitsabstand und in einem Haufen Konfetti, der früher Mal das Etikett der Bierflasche in meiner Hand war.

Irgendwann fragte ich, ob wir nicht einmal nachsehen wollen, was im Playroom los ist. Er war sofort dabei. Aber außer uns beiden, einer fülligen Domina in einem etwas zu knappen Lederkleid und ihrem kahlköpfigem Sklaven war niemand dort. Sie bat uns höflich, ihnen den Teil des Raums zu überlassen, sie wollten “spielen”.

Wir zogen uns in eine Ecke zurück, er setzte sich, ich küsste ihn. Meine Hand auf seinem schmalen Rücken fühlte sich so mächtig an, ich kam mir eher wie ein Mann vor, der einen anderen missbrauchen will, als das, was wir eigentlich waren. Hinter uns tuschelte es, man war sich unsicher, wie man mit dem Andreaskreuz umgehen sollte.

Später kniete ich zwischen seinen Beinen, sein Schwanz in meinem Mund. Von nebenan klatschte es. Die Domina machte laut “Hähähä”. Aus der Bar kam Panflötenmusik. Ich roch Waschmittel und schluckte. Er drückte mich an sich. Zitrusfrüchte und Waldbeershampoo.

5. April 2009

Rock und Hose

Öfters, wenn es bei Verabredungen darum ging, was ich tragen würde, kam als Hinweiß, dass Rock ja eine gute Idee wäre. Das ist sehr klischeelastig, aber auch interessant. Für mich spielt es keine allzu große Rolle, ob ich Rock oder Hose trage. Meine Bewegungsfreiheit wird durch einen Rock nicht eingeschränkt, kommt doch eher selten vor, dass man das Bedürfnis hat, einen Handstand zu machen und auch mit Barhockern lernt man sehr schnell umzugehen. Ich fühle mich auch nicht an- oder aufgreifbarer, wenn mich kein Hosenboden von der Umwelt trennt. Zum einem stimmt es je nach Jahreszeit nicht, im Winter gehören Strumpfhose oder Leggins dazu, zum anderen ist es in der Realität doch eher unwahrscheinlich, aufgrund der Kleidungswahl freiwillig oder unfreiwillig zum Opfer zu werden. Das einzige, was wirklich einen Unterschied ausmacht, ist die Reaktion des anderen Geschlechts. Man bemerkt weit mehr Blicke als in Hosen und ich bin mir nicht sicher, ob es an irgendwelchem Kopfkinofilmen oder allein aufgrund der Signalwirkung geschieht, ähnliche wie die Farce von der Natürlichkeit, die angeblich so erstrebenswert ist, jedoch nicht wahrgenommen wird, im Vergleich zu roten Nägeln und Lippen.

Also warum bekommt man im Rock mehr Beachtung als in Hosen, liegt es an dem Gedanken von der unkomplizierten Zugänglichkeit, an der Möglichkeit auf Freizügigkeit. Ich frage männliche Mitmenschen und erhalte Antworten wie: Schneller Sex. Wind. Der Gedanke, dass sie nichts drunter trägt. Man kann die Beine sehen, Beine sind sexy. Sie kann nicht so schnell weglaufen. Es betont die Figur besser. Kaum etwas dabei, was nicht zu erwarten war und das macht es eben bemerkenswert: Der Unterschied zwischen männlicher (und vielleicht auch weiblicher) Phantasie um etwas und die reale Wirkung. Das, was Frauen in Röcken interessant erscheinen lässt, wird nicht unbedingt auch von ihnen wahrgenommen. Warum man trotzdem Röcke trägt: Mode, Abwechslung zur Alltagskleidung, die mittlerweile überwiegend aus Hosen besteht und natürlich, um Beachtung zu erhalten. Dafür ist ein Rock-tragen kein Preis, im Vergleich zu schmerzenden Füßen durch High Heels oder Frisuren, die so fragil sind, dass man den Kopf nicht bewegen kann.

10. März 2009

Generationskonflikt

“Für Esther wie für alle Mädchen ihrer Generation war die Sexualität nur ein angenehmer Zeitvertreib, der von Verführungskunst und Erotik gesteuert wurde und keinerlei affektive Verpflichtung voraussetzte; vermutlich ist die Liebe – genau wie Nietzsche zufolge das Mitleid – seit jeher nur eine Fiktion gewesen, die von den Schwachen erfunden worden ist, um bei den Starken Schuldgefühle hervorzurufen und deren Freiheit und natürlicher Grausamkeit Grenzen zu setzen. Die Frauen waren einst schwach gewesen, besonders zur Zeit der Niederkunft, sie hatten in den Anfängen einen mächtigen Beschützer im Leben gebraucht, und zu diesen Zweck haben sie die Liebe erfunden, aber heute waren sie stark geworden, waren frei und unabhängig und verzichteten seither darauf, ein Gefühl zu erwecken oder zu empfinden, das keinerlei konkrete Rechtfertigung mehr besaß. Das mehr als tausendjährige männliche Vorhaben, das heutzutage in den pornographischen Filmen deutlich zum Ausdruck kommt und das darin besteht, der Sexualität jegliche affektive Konnotation zu nehmen und sie in den Bereich des reinen Zeitvertreibs einzureihen, hatte sich endlich in dieser Generation durchsetzen können. Was ich empfand, konnten diese jungen Leute weder empfinden noch wirklich verstehen, und hätten sie es verstehen können, wären sie davon peinlich berührt gewesen wie beim Anblick einer lächerlichen, etwas schmachvollen Sache oder angesichts eines Stigmas aus älterer Zeit. Nach Jahrzehnten der Konditionierung und eifrigen Bemühens hatten sie es schließlich geschafft, eines der ältesten menschlichen Gefühle ihrem Herzen zu entreißen, und jetzt war es geschehen, was zerstört war, konnte nicht erneut gebildet werden, ebensowenig, wie sich die Scherben einer zerbrochenen Tasse selbst wieder zusammenfügen konnten, sie hatten ihr Ziel erreicht: Zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens würden sie die Liebe kennenlernen. Sie waren frei.”

aus “Die Möglichkeit einer Insel” von Michel Houellebecq

9. März 2009

But Her Face

Sie sagt, sie wäre gerne ein Mann. Dann könnte sie ficken, ohne ins andere Gesicht sehen zu müssen, das vergrößert die Auswahl. Ich weise sie darauf hin, dass man sich als Frau genauso gut und gerne von hinten nehmen lassen kann um denselben Effekt zu erreichen. Sie schüttelt den Kopf, “Als Frau sieht man immer Fenster und Spiegel, in denen man reflektiert wird.”.