„Für Esther wie für alle Mädchen ihrer Generation war die Sexualität nur ein angenehmer Zeitvertreib, der von Verführungskunst und Erotik gesteuert wurde und keinerlei affektive Verpflichtung voraussetzte; vermutlich ist die Liebe – genau wie Nietzsche zufolge das Mitleid – seit jeher nur eine Fiktion gewesen, die von den Schwachen erfunden worden ist, um bei den Starken Schuldgefühle hervorzurufen und deren Freiheit und natürlicher Grausamkeit Grenzen zu setzen. Die Frauen waren einst schwach gewesen, besonders zur Zeit der Niederkunft, sie hatten in den Anfängen einen mächtigen Beschützer im Leben gebraucht, und zu diesen Zweck haben sie die Liebe erfunden, aber heute waren sie stark geworden, waren frei und unabhängig und verzichteten seither darauf, ein Gefühl zu erwecken oder zu empfinden, das keinerlei konkrete Rechtfertigung mehr besaß. Das mehr als tausendjährige männliche Vorhaben, das heutzutage in den pornographischen Filmen deutlich zum Ausdruck kommt und das darin besteht, der Sexualität jegliche affektive Konnotation zu nehmen und sie in den Bereich des reinen Zeitvertreibs einzureihen, hatte sich endlich in dieser Generation durchsetzen können. Was ich empfand, konnten diese jungen Leute weder empfinden noch wirklich verstehen, und hätten sie es verstehen können, wären sie davon peinlich berührt gewesen wie beim Anblick einer lächerlichen, etwas schmachvollen Sache oder angesichts eines Stigmas aus älterer Zeit. Nach Jahrzehnten der Konditionierung und eifrigen Bemühens hatten sie es schließlich geschafft, eines der ältesten menschlichen Gefühle ihrem Herzen zu entreißen, und jetzt war es geschehen, was zerstört war, konnte nicht erneut gebildet werden, ebensowenig, wie sich die Scherben einer zerbrochenen Tasse selbst wieder zusammenfügen konnten, sie hatten ihr Ziel erreicht: Zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens würden sie die Liebe kennenlernen. Sie waren frei.“
aus „Die Möglichkeit einer Insel“ von Michel Houellebecq
5 Kommentare
10. März 2009 um 6:11
Ein interessanter Gedanke… aber ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich so ist… ein Zeitvertreib…
10. März 2009 um 9:09
was die rationalisierung der sexualmärkte anlangt gebe ich houellebecq meist recht auch wenn er in dieser unerträglich verblasenen pose die den franzmännern eignet daher kommt.
die obige aussage ist in ihrer globalität und unterstellten intension einfach falsch.
zum einen ist liebe im abendländisch romantischen modus nie ein dominanteres paradigma gewsen als heute, zum anderen bedeutet die tatsache das sex ohne liebe gedacht und betrieben werden kann und wird ja nicht das die liebe ausstirbt.
es mag ja eine durchaus erklägliche anzahl von männern geben deren emotionales interaktionspotential sich in der gesichtsbesamung erschöpft, aber zu behaupten dies sei der großteil oder die verbannung der liebe aus dem sex sei das männliche projekt schlechthin ist blödsinn.
pornographie heißt das mittel zum zweck machen und ist eben daher immer nur ein aspekt und nie das ganze.
11. März 2009 um 12:38
Ich stimme mit der Meinung von Houellebecqs Protagonisten nicht ganz über ein, finde aber seine Überlegung interessant und zumindest in Einzelfällen oder Ansätzen zutreffend, daher das Zitat. Übrigens sollte man sich klar machen, dass autodiegetische Erzählweise ungleich Autor ist. Die Motivation für das Zitat muss nicht mit Houellebecqs privater Ansicht übereinstimmen oder überhaupt als Wahrheit vermutet werden.
Sofern es stimmt, dass romantische Liebe als soziales Phänomen erst im 19. Jahrhundert auf kam, ist es möglicherweise recht simple mit der Tatsache verbunden, dass Ehe ökonomisch nicht mehr notwendig war, die Gesellschaft aber noch nicht weit genug ging, um davon abzulassen. Kurz: Als Single hätte man theoretisch für sich sorgen können (Fabrikarbeit/Dienstleistung statt väterlichen Hof/Werkstatt), man hätte jedoch weder die Option auf regelmäßigen Geschlechtsverkehr gehabt und wäre zu dem einsam gestorben. Also Liebe als Grund für Partnerschaft. Da die sexuellen Freiheiten mittlerweile größer sind und unsere Kultur auf Networking/Kontaktaufbau angelegt ist (www, Clubs, Vereine, …), besteht keine Notwendigkeit mehr, zu lieben. Sex und Gesellschaft gibt es auch so.
Heute (okay, ich hab altersbedingt keine Ahnung, wie es vor 20, 30 oder 40 Jahren war) ist es mittlerweile so weit vereinfacht, Menschen kennenzulernen, egal ob für Sex oder als Maßnahme gegen Einsamkeit, dass es nicht notwendig erscheint, Arbeit in eine Beziehung zu investieren. Man nimmt an, dass man immer etwas besseres findet und hat Angst, etwas zu versäumen, weil man sich auf den falschen Menschen fixiert. Das ist nicht ganz unbegründet, nicht alle Paare, die seit 50 Jahren verheiratet sind, sind glücklich. Aber da es nicht mehr unmoralisch ist, mit wechselnden Partnern ins Bett zu steigen und man weiß, dass der/die Nächste schon kommen wird, gibt’s scheinbar keinen Grund, länger als notwendig in einer komplizierten und mit Verpflichtungen verbundenen Partnerschaft zu sein. Liebe, als das, was „wir“ sie verstehen, entsteht wiederum selten spontan.
Trotzdem denke ich aber nicht, dass Liebe ausstirbt, eher, dass die Art und Weise, wie sie gelebt wird (Hingabe, Verbindlichkeit, …) sich ändert.
11. März 2009 um 12:58
” Übrigens sollte man sich klar machen, dass autodiegetische Erzählweise ungleich Autor ist. Die Motivation für das Zitat muss nicht mit Houellebecqs privater Ansicht übereinstimmen oder überhaupt als Wahrheit vermutet werden.”
danke wozu doch so ein studium gut ist.
die anmerkung zum autor bezog sich auf einige fernsehinterviews und journalistische texte die ich von ihm kenne. das hätte ich wohl dazu schreiben müßen.
auf jeden fall laßen diese vermuten das seine literarischen haltungen seine privaten recht weitgehend widerspiegeln.
11. März 2009 um 1:12
Klar, ist die Grundhaltung oft dieselbe, unabhängig meiner Hausaufgaben, sollte man damit trotzdem vorsichtig sein, wenn es um vermutete Intentionen geht.