Größenwahn

by wg

“Komm auf meinen Schoß!” fordert er und weil es dunkel ist, kaum noch Menschen unterwegs sind und ich gerade keine Lust auf provokatives Ist-mir-zu-niedlich habe, mache ich mit. Sitze rittlings auf ihm, wir knutschen weiter, wenn ich die Augen öffne kann ich durch die Scheiben der hell erleuchteten Kneipe hinter uns die Gäste sehen. Überhaupt, mit offenen Augen küssen: in Filmen immer ein Indiz, dass Verrat und Ungemach lauern. Hier aber nur ein Moment.

Er ist nicht so ganz mein Fall. Also zumindest theoretisch. Wenn bei den Männern der letzten Jahre etwas kontinuierlich war, waren es Wuchs und Figur. Ich mag Männer, die nicht wesentlich schwerer sind als ich und auch nicht zu groß. Bei seinen zwei Metern aber reiche ich ihm bis zur Brust und die Proportionen stimmen. Als wir nebeneinander her gingen, fühlte es sich an, wie als Neunjährige neben meiner Mutter. Ich auf seinem Schoß relativiert es unpassend.

In der Praxis ist er so selbstverständlich bestimmend, dass es vom Falschen bei mir in Ekel umschlagen würde. Er lächelt und ich kann nicht anders. Frage ihn, ob er mich noch nach Hause bringt. Dort ist er irgendwann über mir, fast wird es mir zu viel, der schwere fremde Körper und ich in seinen Armen. Ziehe ihn zum Ausgleich etwas auf, er revanchiert sich, in dem er mich übers Knie legt. Gegen zwei setze ich ihn vor die Tür, um alleine schlafen zu können. Wäre eigentlich mal wieder Zeit für mehr.