Probe

by wg

Am Donnerstag mailt er, ob ich Samstag Zeit habe. Habe ich tatsächlich nicht und schlage stattdessen den Sonntag vor, ihm passt es auch. Am Freitag verliere ich die Lust. Halte es für einen Affekt. Es war zu einfach. Kein Warten, kein Hoffen, stattdessen er von sich aus und sofort. Schätze, es irritiert mich, weil es nicht in mein Konzept passt. Kompliziert ist hier normal. Sage trotz Unlust nicht ab, will es dem Unterbewusstsein (oder was auch immer da nörgelt) zeigen. Der erste Abend war doch gut, schnelle Connection, körperlich okay. Da kann es doch jetzt nicht anders werden, ganz ohne gute Gründe.

Sonntag steht er dann im Flur, wieder von Anfang an bestimmend und ich stelle erneut fest, wieviel Platz er einnimmt, sein Körper und sein Verhalten. Bin immer noch unentschlossen, ob es mir gefällt. Trotzdem schon auf den Knien. Der einfachste Weg, alles bisschen voran zu treiben, Zeit und Handlung. Erhöht hier die Wahrscheinlichkeit von Erkenntnis. Ein paar Kommandos, ich hänge seine Jacke auf, räume die Schuhe weg, bisschen auf die englische Art. Er umarmt mich von hinten, reibt  mir seine Bartstoppeln an Wange und Hals. Ich werde schwach.

Später bin ich auf ihm, dazu das, was man sich so erzählt, im entsprechenden Modus. Plötzlich und vermutlich rhetorisch fragt er nach meinen bisherigen Geschichten, stellt fest, dass die sich wohl nicht viel Mühe gegeben haben, so launig, wie ich ab und an reagiere. Der Gedanke an K. bereichert die Stimmung eher nicht. Dass er es nicht merkt, ist naheliegend und in Ordnung. Trotzdem: in mir die Lust, ihn zu kränken. Mildere den Drang ab. Was bleibt ist der ausgesprochene Hinweis, dass es mit K. eigentlich immer unproblematisch war. Weil ich gefallen wollte. Weil wir uns näher standen. Es stimmt, in diesem Moment. Zum Glück scheint es ihn nicht zu treffen.

Bei einem Stellungswechsel fehlt das Kondom. Im selben Moment habe ich es zwischen den Fingern, ein beherzter Griff. Zuletzt ist mir das mit Manu passiert. Da war ich 18 oder 19, er Anfang 20 und hauptberuflich Autowäscher. Eine andere Geschichte. Versuche, Wahrscheinlichkeit aus Zyklustag und der Tatsache, dass er noch nicht fertig war, zu berechnen. Ohne Ergebnis, intuitiv aber optimistisch. Er erstmal auch. Wir fragen uns nach Geschlechtskrankheiten und HIV-Tests ab: alles im grünen Bereich. Dann leiht er sich doch mein Handy und beginnt zu googln.

Deutschland ist eines der wenigen Länder mit Pille_danach auf Rezept. Nachts um 1 Uhr kann man da wenig machen. Außer Notaufnahme. Er, latent hektisch, will “das” geklärt haben. Verstehe ihn. Als Mann ist er vermutlich noch hilfloser, während ich handeln kann. Gleichzeitig strengt mich die Panik an. Bis er geht, lässt er sich drei Mal versichern, dass ich ganz bestimmt gleich morgen zum Arzt usw.. Seine Angst vor reproduktiven Prozessen teile ich. Mich nervt das Misstrauen, die Unfähigkeit davon auszugehen, dass ich mich auch von alleine darum kümmern werde. Es passt so gut zu dem, was ich bisher über ihn weiß.

Knapp 12 Stunden später war ich bei Arzt und Apotheker und warte auf die Nebenwirkungen. Kann seine Erinnerungs-SMS positiv beantworten. Er ist erleichtert. Will gerne die Hälfte der Kosten übernehmen, fand den Abend trotz des Zwischenfalls schön, schreibt vom nächsten Mal. Verhält sich korrekt, kümmert sich, will helfen. Aber auch sehr professionell. Um es wirklich schlimm zu finden, ist es eigentlich zu subtil. Doch bleibt das Unwohlsein und die Ahnung, dass mehr Platz für ihn auch mehr Kontrollverlust bei mir wäre. Viel zu schnell, viel zu formal und so, wie ich es in der Verbindung nicht möchte.