Für die Statistik
by wg
Das sexuelle Leben der Catherine M. von Catherine Millet beginnt damit, dass die Autorin ein kindliches Interesse für Zahlen und Mengen beschreibt. Sie erzählt von ihren damaligen Überlegungen, zu denen auch die Frage nach der möglichen Anzahl an Männern gehört, die eine Frau haben kann. Von ihr als Vierjährige wird noch in Form von Ehepartnern gedacht. Wie es in Das sexuelle Leben der Catherine M. endet, ist bekannt oder erlesbar. Ihre Antwort darauf ist weit extremer als das, was ich kenne. Bei ihr lösen sich Identitäten auf, falls wirklich war, was sie schreibt.
Manchmal flüstere ich Freundin N. beliebige Zahlen zwischen 20 und 200 zu. N. zieht gerne Vergleiche: die Zahl der Männer, mit denen sie bereits im Bett war, im Verhältnis zu meiner Zahl. Natürlich ist sowas egal. Wettbewerb spielen wir trotzdem. Gab es bei ihr längere Zeit nichts Neues, atmet sie tief durch die Nase ein, wenn sie meinen Stand der Dinge hört. Selbst wenn sie weiß, dass es gerade nur irgendeine Zahl ist. Dabei schätze ich, dass ihr Interesse an der Zahl, wie meines auch, eher theoretisch ist: Regelmäßig erscheint eine Statistik mit der Aussage, dass Deutsche im ganzen Leben durchschnittlich 6 oder 7 Sexualpartner haben. Das ist sehr weit von ihrer und meiner Lebenswelt entfernt. Vermutlich auch noch entfernt von dem, was die meisten anderen Menschen in unserem Umfeld erleben.
Promiskuität ist ein Nicht-Thema. Es gibt wenig und es gibt viel, mehr lässt sich dazu eigentlich nicht sagen. Während am unteren Ende Enthaltsamkeit steht, verliert sich die Zahl nach oben ins Unbekannte, ins Dunkle. Das beschäftigt. Was macht es mit mir, wenn ich mit 30, 40 oder 100 Männern intim wurde? Mit wie vielen Männern werde ich geschlafen haben, wenn ich 30 bin? Mit wie vielen, wenn ich nicht mehr möchte? Im Laufe meines Lebens? Bisher: es wird nicht abstrakt. Alle Namen, Zeitpunkte, besondere Umstände bekomme ich nicht mehr einfach aus dem Kopf zusammen. Manche Situationen wiederholen sich, werden Rituale: ein erster Kuss, ein Hotelzimmer betreten, sich vor jemandem ausziehen, ein Blowjob mit geschlossenen Augen. Gelegentlich tragen Fremde Züge vorangegangener Bekanntschaften. Trotzdem ist jeder neue Mann ein anderer. Eine andere Biografie, eine andere Komposition von Eigenschaften.
Wird Promiskuität noch kritisch gesehen? Ich kenne nur den Gegenentwurf: Die Erwartung des Besonderen. Promiskuität muss nichts anderes sein. Es geht um das eine Erlebnis, qualitativ oder quantitativ. Ich kann hoffen, einem bestimmten Menschen zu begegnen. Aber diese Hoffnung schließt nicht aus, dass ich mit anderen Menschen Sex habe. Der eine, besondere Mensch wird schließlich nicht dadurch besonders, dass ich ihn in mein Bett lasse. Und falls ich für ihn besonders bin, bin ich es nicht durch meine Fähigkeit, mich auf körperliche Nähe einzulassen. Besonders wären wir für einander. Besonders wäre unser Verhältnis, dessen Dynamik sich von der restlichen Vielfalt abhebt.